Grundlagen: Worum geht es uns?

 

Bezug zur Nahrungsgrundlage

Wir leben in einer Welt, deren Wirtschaft zunehmend komplex und unübersichtlicher wird. Auch mit bestem Wissen und Gewissen ist es nicht immer leicht zu merken, woher unsere Nahrungsmittel, unsere Kleider, unsere Energie kommen und wie und auf wessen Kosten, ob Mensch oder Natur, sie hergestellt werden. radiesli will hier neue Wege gehen und einen Ort schaffen, wo der Bezug zur Lebensmittelproduktion handfest möglich ist. Menschen sollen für die Herstellung der eigenen Nahrung Verantwortung übernehmen können, und  dies in der Nähe ihres Wohnorts. Lernen wir unser Gemüse bereits auf dem Feld kennen, verstehen wir auch, warum nicht alle Rüebli schnurgerade wachsen und Gurken verschieden krumm sein können. Mit der Beteiligung am Betrieb und der Arbeit auf dem Feld entsteht ein Bezug zu dem, was wächst und dann auch gegessen wird. Der Kreislauf der Jahreszeiten, Bill und Unbill des Wetters, die Beschaffenheit des Bodens, die Tücken des Anbaus werden direkt miterlebt. Auf dem Feld lässt sich also viel über Pflanzen, Wachstum, Gemüseanbau lernen; die Produktion nach biologischen Grundsätzen wird damit zur Selbstverständlichkeit.

Regionale Vertragslandwirtschaft

Regionale Vertragslandwirtschaft bedeutet, dass Landwirtinnen/Gärtner mit ihren Abnehmern einen Vertrag eingehen. Der Produzent verpflichtet sich, eine gewisse Menge anzubauen und zu liefern; dafür hat er eine Abnahmegarantie der Konsumentinnen und Konsumenten. Die Bezahlung erfolgt im Voraus und ist nicht eigentlich Lohn für geleistete Arbeit, sondern ermöglicht den Anbau. Der enge Kontakt zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen eröffnet einen grossen Spielraum für eine differenzierte Wahrnehmung; alle Beteiligten lernen die Bedürfnisse von Boden und Menschen besser verstehen.

Vertragslandwirtschaftliche Projekte gibt es auf der ganzen Welt in unterschiedlichen Formen. Auch in der Schweiz funktionieren Projekte wie „Les Jardins de cocagne“ in Genf oder „Agrico/Birsmattehof“ in Basel schon seit 30 Jahren. In den letzten Jahren sind überall neue Initiativen entstanden und es werden immer mehr. In Bern läuft mit dem radiesli neben „SoliTerre“ das zweite vertragslandwirtschaftliche Projekt. Im Unterschied zu SoliTerre, wo sich Produzenten und Konsumenten zusammengeschlossen haben, nehmen aber beim radiesli die Mitglieder den Gemüseanbau selber in die Hand.

Konsumenten oder Produzenten? Beides.

Bewusst wollen wir mit der radiesli-Initiative die Trennlinie zwischen Produktion und Konsum auflösen. Der Anbau soll gemeinschaftlich geschehen. KonsumentInnen werden auch - oder wenigstens teilweise - zu ProduzentInnen. Wo der Austausch direkt wird, braucht es auch keine Labels mehr. Wer das Gemüse isst, hat mitbestimmt und weiss, wie es angebaut wurde, auch wenn kein Biolabel drauf steht. Beim radiesli können wir deshalb auf den finanziellen und administrativen Aufwand eines Labels verzichten. radiesli ist ein Gemeinschaftsprojekt und gelingt, weil sich alle beteiligen, engagieren und anpacken. Jedes Mitglied trägt je nach Freude, Motivation, Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Gelingen des Betriebs bei.

Finanzierung

Es gibt in der Vertragslandwirtschaft verschiedene Preisbildungsmodelle. Meist wird der Preis pro Menge und Produkt festgelegt. Beim radiesli wollen wir einen anderen Weg gehen: Statt die bezogene Gemüsemenge nach Gewicht zu bezahlen, lösen die Mitglieder ein kleines oder grosses Gemüse-Abo. Was dank diesen Abo-Beträgen auf dem Feld wachsen kann, wird unter den gemüsebeziehenden Vereinsmitgliedern aufgeteilt. Die Abos sollen die laufenden Kosten decken; dabei tragen wir auch das Risiko gemeinsam. Um Mitglied bei radiesli zu sein, muss mindestens ein Anteilschein in der Höhe von 250 Franken gekauft werden. Das Anteilscheinkapital dient uns für die grossen Anschaffungen.

Soziale Initiative

Die Initiative ist in ihrer Grundidee sozial. Durch die gemeinsame Übernahme von Verantwortung entstehen Kontakte und ein Übungsfeld für Selbstverwaltung und Mitbestimmung. Zu einem späteren Zeitpunkt will radiesli auch Raum für weitere Projekte wie beispielsweise geschützte Arbeitsplätze, Time-out-Plätze, Schulgarten und für kulturelle Anlässe bieten. Der Zweckartikel des Vereines radiesli lautet deshalb: "Der Verein ermöglicht den Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam ein Stück Land kultivieren und zusammen mit erfahrenen Fachleuten Gemüse anbauen wollen. Aufwand, Kosten und Ertrag werden geteilt."

radiesli schafft einen Ort, wo

  • der Bezug zur Erde und allem, was aus ihr wächst, ermöglicht wird;
  • wir ein Stück unserer Lebensgrundlage, nämlich die Nahrungsmittelproduktion, eigenverantwortlich übernehmen und ihr auch Zeit einräumen;
  • jedeR Einzelne die Zusammenhänge von Boden, Jahreszeiten, Wachstum und eingesetzter Arbeit überschauen kann und so reale Entscheidungsgrundlagen gewinnt;
  • ein Austausch stattfinden sowie Selbstverwaltung und Mitbestimmung geübt werden können.