Wachstumsbericht Hof Nr. 5, Dezember 2016

Seit fast einem Jahr bewirtschaften wir nun den ganzen Hof an der Bodengasse. Das erste Jahr war geprägt vom vielen Bauen, den Hof so einrichten, dass wir unsere Ideen umsetzen und gut da arbeiten können. Zudem mussten wir loslegen und die Felder bestellen, die Mutterkuhherde aufbauen, neue Produkte absetzen...

Zeit gefehlt hat uns ab all dem vielen Handlungsbedarf und Alltags- Nötigen die Zeit, um über die Richtung nach zu denken, über die Vision. Die Idee vom gut funktionierenden Gemüseabo auf den ganzen Hof übertragen, was heisst das? Was wünschen wir uns genau? Wie wollen wir das umsetzen?

Die Betriebsgruppe trifft sich seit je her im Winter zu einer Retraite um Rück- und Ausschau zu halten, und dieses Jahr haben wir uns nun also für dieses Thema Zeit genommen. Schnell war klar, dass wir diese Vision nur mit Euch allen zusammen weiter entwickeln wollen und können. Wir möchten Euch deshalb jetzt schon die Gedanken und Visionen der Betriebsgruppe vorstellen und im nächsten Jahr Zeiträume schaffen, wo wir alle zusammen an der Gestaltung einer Vision für den Hof weiterarbeiten können. Das erste Mal wird sicher an der Vereinsversammlung am 12. März 2017 sein, und je mehr Menschen sich da beteiligen können, umso besser!

Notizen aus der Betriebsgruppen Retraite

- Wir können den Hof in Zukunft nur als Ganzes denken. Das Gemüseabo steht nicht für sich alleine, das Gemüse profitiert z.B. von den Kühen und ihrem Mist, sie wiederum fressen Rüstabfälle, Gemüsebezieherinnen helfen bei der Kartoffelernte, Niculin hilft auf dem Gemüsefeld mit dem Traktor, .... auf dem Hof sollen Kreisläufe entstehen und es ist nicht möglich und vorallem nicht sinnvoll, da einzelne Produkte und Arbeiten klar auseinander zu halten.

- Wenn wir weiterhin für neue Produkte neue Aboformen entwickeln, wie bis jetzt mit Huhn und Ei, Lagergemüse und Fleisch (war auch noch nicht anders möglich) führt dies lediglich zu einem riesigen administrativen Aufwand, zu einem komplizierten Rechnungswesen und wir bleiben ganz nahe an der üblichen Produkt-Preis Denkweise.

Wenn wir also alle Wenn und Abers mal ausser Acht lassen, haben wir folgendes Bild: Wir möchten alle zusammen einen Hof tragen (unter "tragen" verstehen wir immer finanziell und durch Mitarbeit) und so ermöglichen, dass zumindest auf diesem Hof eine Landwirtschaft möglich wird, wo zum Boden Sorge getragen wird, wo zu Tieren und Pflanzen Sorge getragen wird und wo Menschen entspannt und voller Freude arbeiten können.

Was ist uns das Wert?

Gerne möchten wir mit allen Beteiligten jedes Jahr herausfinden, was auf dem Hof geschehen soll, angebaut werden soll, nach Wünschen der Mitglieder und nach Möglichkeiten der Hofgruppe, und was das kostet und über die finanziellen Mittel hinaus braucht. Es geht also zum einen darum, dass diese Kosten verteilt werden müssen. Das bedeutet, dass nicht alle gleich viel von den Kosten tragen, da einerseits nicht alle die gleichen finanziellen Möglichkeiten haben und andererseits nicht alle die gleichen Produkte beziehen wollen. Zum anderen gilt die gleiche Überlegung auch fürs Mithelfen, nicht alle haben die gleichen Möglichkeiten.

Wir stellen uns vor, dass es nicht mehr zig verschiedene Abos gibt, sondern dass jeder und jede sich für bestimmte Bereiche verantwortlich erklärt, z.B. Gemüse, Fleisch, Getreide....sich dort verbindlich verpflichtet, im nächsten Jahr Kosten, Arbeit und Verteilung mitzutragen. Damit für jede/n Einzelne/n möglich wird, einzuschätzen, was das bedeutet, wollen wir den finanziellen und arbeitsmässigen Aufwand der einzelnen Bereiche erarbeiten und transparent machen. Es muss dann jedes Jahr verhandelt werden, bis wir uns so gefunden haben, dass die Kosten und alle anderen Bedürfnisse gedeckt sind.

(Beispiele für solche Modelle gibt es in Deutschland, Links dazu unten, sehr anregende Lektüre, die wir euch wärmstens empfehlen)

TEILEN ÜBEN; Kunterbunte Sammlung ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Was brauchen wir?Raum für EntwicklungWas können wir?
Mitglieder/Verein Vereinsversammlungen/ Betriebsgruppe Hofgruppe/GmbH
Essen In-/aneinander wachsen Anbau
Mitarbeiten auf dem Feld Ausarbeiten der Verträge Verantwortung für die Qualität des Hofes
BEDARF Arbeitsnachmittage zu Themen ANGEBOT
Was können wir tragen? Willkommensanlässe auf Feld Wissen, wer das trägt und isst.
Beliebigkeit/ Verbindlichkeit Nachhilfe für "Wenigkommer" Planungssicherheit
Möglichst viel vom Hof abgedeckt Konsumverhalten bewegen Zeit, den Hof zu erläutern

Schnell wird uns klar, was wir auseinanderhalten wollen

Hof tragen  Verteilung der Lebensmittel
als Ganzes Mitgestalten, Mitarbeiten, Finanzen   nach verschiedenen Bereichen "Suppe auslöffeln"
Kräftige Beziehung zum Hof Gemeinsame Richtungsfindung: Gespräche, Rückmeldungen, Umfragen, Budgetverhandlungen Kostentransparenz: Was ist der Aufwand für die einzelnen Bereiche?

Wir freuen uns darauf, diese Ideen und Visionen im nächsten Jahr mit euch weiter zu entwickeln und wünschen euch einen friedlichen Übergang ins nächste Jahr!
die radiesli Betriebsgruppe


Beispiele von solidarisch getragenen Höfen in Deutschland

Zum Schluss hier noch zwei persönliche Überlegungen

Marion:

"Ich merke, dass mir die Vorstellung von so einem Hof viel Wert ist. Ich finde es plötzlich nicht mehr so wichtig, zu vergleichen und auszurechnen, ob meine Eier und mein Gemüse nun etwas mehr oder weniger kosten als sonst üblich, wenn ich weiss, dass es da in Worb einen Ort gibt, wo der Boden mit Achtsamkeit und Freude bebaut wird, wo die LandwirtInnen nicht voller Sorge in die Zukunft blicken und sich immer am Rande ihrer Kräfte bewegen.

1000 Franken, 5000 Franken....was ist das schon? Ich investiere mein Geld gerne in solch eine Ort. Ich merke, dass es mich sogar entlastet, wenn ich mir vorstelle, dass ich Anfang Jahr meinen Beitrag zahle und dann ein Jahr lang viele feine lebendige Nahrungsmittel bekomme ohne dass ich mich noch um irgendwelche Preise kümmern muss."

Michl:

"Im zweiten Winter, im dem ich schon manche Erfahrung mit bekanntem und eher weniger bekanntem radiesli Gemüse gemacht hatte und so auch gelernt hatte, dass mir Randen, Sellerie und Bittersalate tatsächlich schmecken (zum einen weil ich damit klar kommen musste, zum anderen Dank der feinen, beigelegten Rezeptideen) war ich in der Altjahrswoche bei meinen Eltern in Deutschland im Supermarkt. Da war die Herkunft des Gemüses recht schlecht ausgewiesen und ich stand eine gefühlte Ewigkeit im Laden um herauszufiltern, was ich alles nicht kaufen mochte. Über diesen Umweg ist mir nochmal viel klarer geworden, was mich am saisonalen und regionalen Gemüse reizt und dass es für mich im Alltag eine enorme Erleichterung und Zugewinn an Lebensqualität ist, dieses gute und inzwischen gut bekannte Gemüse einfach ins Quartier gebracht zu bekommen. Anstatt im Laden, Zeit auf dem Feld zu verbringen erscheint mir als der beste Tausch überhaupt. Und dass es nun mehr als nur Gemüse so geben kann erfreut mich um so mehr... Juhui!"